Gedanken zur Neckermann-Insolvenz

Reihe von Einkaufswagen

Foto: code poet on flickr

Nach Quelle hat es nun auch Neckermann erwischt: Der Frankfurter Versandhändler ist insolvent. Von den großen drei traditionellen deutschen Katalogversendern hat nur Otto überlebt. Der Versandhandel – eine sterbende Branche?

Wohl kaum. Mit dem Internet hat der Versandhandel gerade in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Amazon, Zalando & Co. sind prominente Beispiele. Aber auch Spezialversender, ob für Bücher, Technik, Sportartikel und vieles mehr, konnten sich erfolgreich etablieren. Ein stark wachsender Markt, daran kann es also nicht liegen.

Amazon startete ursprünglich mit dem Versand von Büchern. Anfang der Neunziger Jahre war ich Kunde vom ABC Bücherdienst, damals noch über Bildschirmtext (BTX). Daraus wurde Telebuch, das dann wiederum vom amerikanischen Unternehmen Amazon übernommen wurde. Inzwischen hat sich Amazon vom Online-Buchhändler zum Online-Kaufhaus mit einem äußerst breit aufgestellten Warensortiment entwickelt und ist damit stetig gewachsen. Das widerlegt auch der Erklärungsansatz, dass Quelle und Neckermann als “Gemischtwarenladen” nicht mehr in die heutige Zeit passten.

Eigentlich hatten beide insolventen bzw. liquidierten Versandhändler die besten Voraussetzungen, um erfolgreich in die neue e-commerce-Welt zu starten: Gut im Markt etabliert, hohe Markenbekanntheit, breite Kundenbasis: Was will man mehr?  Das Management hatte jedoch offensichtlich in beiden Fällen versäumt, die Unternehmen auf neue Zielgruppen und deren Kommunikationsgewohnheiten auszurichten. Statt zeitig ein attraktives Online-Angebot auszubauen und neue Tools wie zum Beispiel Möglichkeiten für Produktbewertungen für die Kunden bereitzustellen und sie so stärker einzubeziehen, hielten Quelle und Neckermann noch jahrelang am überholten Kommunikationsweg fest und verschickten alljährlich über tausend Seiten starke Kataloge. Und während die Versandhändler der Neuzeit den Nutzern ermöglichten, beispielsweise eigene Produktfotos oder Videokommentare hochzuladen, wirkten die Online-Präsenzen von Quelle oder Neckermann wie ins Internet gestellte Katalogseiten.

Auch im Marketing erkannten die traditionellen Versandhändler nicht die Zeichen der Zeit. Während sie noch mit Bannerwerbung den Weg in die Onlinewerbung suchten, bauten Amazon und seine Wettbewerber schon mit Affilate-Werbung und Partnerprogrammen ihre Marktpositionen aus.

Aus meiner Sicht sind die Ursachen für die Insolvenz von Quelle und Neckermann in der mangelhaften strategischen Ausrichtung der Unternehmen zu suchen. Gerade bei Geschäftsmodellen, die lange Zeit gut funktionieren, fällt es vielfach schwer, das durchaus hohe Risiko eines Strategiewechsels einzugehen. Die eigene Psyche der Entscheider spielt da eine ebenso große Rolle, wie Widerstände gegen Veränderungen in der Belegschaft. Wie sich bei Quelle und Neckermann gezeigt hat, können zu späte Reaktionen auf Metatrends und grundlegende Marktentwicklungen schnell auch für solide aufgestellte Großunternehmen zu einer existenziellen Gefahr werden.

Fazit: Gerade im Mittelstand hält uns aufgrund der breiten Gesamtverantwortung für viele Aufgabenbereiche der Unternehmensführung das Tagesgeschäft oft derart in Atem, dass für strategische Fragestellungen die Zeit fehlt. Doch es ist überlebensnotwendig für jeden Verantwortlichen im Unternehmen, sich immer wieder Zeit dafür zu nehmen. Ganz abgesehen davon, ist es eine der reizvollsten Aufgaben, die Organisation und die Menschen, die ein Unternehmen ausmachen, für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen.

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>